Kathrin Christians | Kathrin Christians - Querfloetistin - Videos
Klassische Musik ist für die Querflötistin Kathrin Christians Kommunikation - dies über Grenzen und Völker hinaus, innerhalb ihrer eigenen Generation und zur Erweiterung ihres eigenen Horizonts. So verwundert es nicht, dass sich ihre 2017 erscheinende Debut CD bei Hänssler Classic mit politischen Themen auseinandersetzt.
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DIARY

06.10.2017

„Es geht noch besser. Das was ich habe, reicht mir nicht. Ich werde meine Ziele schneller erreichen und weiter kommen, als alle anderen. Oder ich habe keine und lasse mich treiben, von einem Leckerli, das nächste kommt schon bald.“ Kompetition um jeden Preis. Lechzen nach dem noch besseren Etwas und Verlust des Wertvollsten: der Liebe an sich. Zum Moment und dem, was uns umgibt.

So kommt mir die mich umgebende Gesellschaft häufig vor.
Wollen uns nicht festlegen, erwarten die noch spannendere Begegnung. Suchen nach dem nächsten seelischen Dope, der schnellen Bestätigung des Selbst, der kommenden Herausforderung.

Und sind innerlich tot. Abgestumpft und verroht. Genießen nicht den Augenblick, die Begegnung, das Pflegen von Beziehungen, das Arbeiten an uns selbst; nicht daran, dass wir besser werden als andere, sondern besser in dem, was unsere sozialen Kompetenzen betrifft. Oder gar die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass der eine, besondere Moment anhält.

Warum sind wir in sozialen Netzwerken sozial, aber außerhalb dessen immer weniger?
Lasst uns wenn wir glücklich sind, nicht nach dem noch größeren Glück suchen, nicht nach der noch schöneren Bucht, der noch größeren Zuckerwatte, dem noch größeren Emblem, das unsere elitäre Zugehörigkeit unterstreicht.

Lasst uns ehrlich zueinander sein. Wert schätzen, was wir haben, haben können, es pflegen und bewahren.

Zu schnell ist alles vorbei. Besonders das wertvolle.

01.10.2017

Menschen, wacht auf! Schaut nicht nur, sondern reagiert!

Ein Tag Zugfahrt liegt hinter mir. Und ich bin um Erfahrungen reicher. Erfahrungen, die ich vorher machte, aber nicht in diesem Maße und die mir nicht so stark auffielen.

Bin ich eine Aussätzige? Erscheine ich so? Erscheint so eine Familie mit dunklem Teint?

Wenn ich darum bitte, dass mein Koffer hochgehoben wird – weil ich nichts schweres tragen darf – wird mir ohne weiteres geholfen. In gelbe Westen gekleidete Bahnmitarbeiter helfen genauso, wie die um Unterstützung gebetenen Herren von der Polizei.

Aber warum nur hilft niemand einer Frau mit Kopftuch und dunklem Teint, die mit Zwillingswagen aus dem Bus möchte? Oder ihrem Mann, der drei große Koffer und seinen ca 8 jährigen Sohn auf einmal beaufsichtigt?

Warum beobachtet mich der Schaffner, während ich jede Stufe einzeln nehme, immer wieder inne halte und schwanke? Warum beobachtet er mich, tritt ein paar Schritte nach hinten, beobachtet mich wieder und dreht sich weg?

Und warum sitzt hinter mir eine Gruppe von Anfang 20 jährigen und unterhält sich darüber, wie sie Sex mit Mädchen hatten, die sie alle mit Alte titulieren. Die laut ihren Erzählungen erniedrigt und nicht ernst genommen werden?
Wo sind wir angekommen, wenn es nicht mehr lohnenswert erscheint, anderen mit Respekt gegenüber zu treten und sie wie Individuen zu behandeln? Alter, Herkunft und Geschlecht sind gleich.

Wenn man für jemanden da ist und Verantwortung übernimmt, gewinnt man nichts monetäres. Aber so vieles mehr!

23.09.2017

Was für ein Gefühl: das erste besuchte Symphoniekonzert seit Monaten! Es erinnert mich an das Lied von Herbert Grönemeyer, in dem es heißt: „sie hört Musik nur, wenn sie laut ist.“ Mein Körper pulsiert, ich spüre die Schläge der Pauken, das Blech lässt meine Brust vibrieren. Und ich denke: Klassik ist etwas wunderbares! Am liebsten hätte ich meine eigene Ecke, in der ich Headbanging machen könnte. Und dirigieren. Und mich bewegen. Das alles erlebe ich beim Konzert des SWRSO

Ein wunderbarer Tag geht zu Ende. Ein Tag mit Sonne, Probe und dem Glück, in stressigen Situationen wieder sich zurechtzufinden. Ich könnte mir aktuell nichts schwierigeres vorstellen, als mit der Reizüberflutung eines Bahnhofs zurecht zu kommen. Den Kopf nach rechts und links zu bewegen und trotz alledem beim Weiterlaufen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sich über eine Treppe zu freuen, sie zu Fuß zu erleben und zu denken: ich bin glücklich, sie freihändig zu meistern.

Ich atme den Duft der Stadt genauso, wie ich die Natur genieße. Und morgen ist ein weiterer sonniger Tag.

16.09.2017

Was passiert mit meiner Zukunft? In welche Richtung bewege ich mich, wie viel Musik spiele ich selber, wie viel höre ich anderen zu? Meiner Meinung nach wird im Studium des Musikers zu viel Wert darauf gelegt, dass wir im Orchester einen Job erlangen. Wie viele von uns studierten haben jedoch nie eine Chance, alleine schon weil wir zu viele sind?

Ich bin glücklich, dass ich mich schon immer nicht nur für die Eckpfeiler eines selbstständigen Berufs interessiert, von anderen Disziplinen gelernt habe und immer weiter neugierig bin. Nur Flöte zu spielen reicht mir nicht und erfüllt mein Leben nicht komplett. Es ist ein wunderschöner Beruf und eine Berufung, aber erst durch all die anderen Dinge, die mich faszinieren, kann ich mich daran erfreuen.

Aus diesem Grund bin ich begeistert von Fotografie, gehe leidenschaftlich gerne ins Museum und finde es spannend, was Filmemacher umtreibt. Was fasziniert einen Tänzer? Was einen Maler? Oder einen Instrumentenbauer? Warum komponiert ein Komponist auf seine persönliche und spezielle Art und Weise?

Neugierde und Verquickung unterschiedlicher Disziplinen, gerne auch konträrer. Inszenierung des Schönen. Begeisterung der Leidenschaften. Und auch die Darstellung des Ungewöhnlichen, Schroffen. Schönheit liegt nicht in der Perfektion, sondern in der Spannung.

8.9.2017 und es sind 5 Monate vergangen.

Ich kann laufen und sehen. Und ich lebe, kann Flöte spielen, habe Ideen, Wünsche und Projekte, an denen ich arbeite.

Meine Balance trainiere ich weiter, wie auch mein Sehen. Ich komme zurecht, bin aber unzufrieden, dass es nicht so ist wie früher. Diese Unzufriedenheit ist nichts negatives, sondern treibt mich an, immer weiter zu machen. Der Normalität Raum zu geben. Einer neuen Normalität. Und vor allen Dingen das zu schätzen, was mir wirklich wichtig ist.

Zeit